Martmany - Wie alles begann ...

Das Wort „Martmany“ ist ein Kunstwort, es besteht aus den Teilen „Mart“ für Martin, „man“ für Manuel und dem spanischen Wort „y“ ,welches „und“ bedeutet. Es stellt eine gedankliche Verbindung zwischen meinen Söhnen Martin und Manuel und den Kindern in Lima dar, die durch die Institution Martmany (AMI) unterstützt werden.

Vielleicht war der eigentliche Grundstein für die Entstehung von Martmany die Geburt unseres mehrfach behinderten Sohnes Martin 1979. Das gesamte Leben veränderte sich! Wir adoptierten Manuel aus Paraguay und hatten praktisch zwei Babys, da Martin sich nicht normal entwickeln konnte.

Als die Kinder vier und fünf Jahre alt waren, kam 1984 unser erstes Aupairmädchen, Vicky aus Peru, in die Familie. Zwischen ihr und mir entstand eine enge Freundschaft.

Anfangs half ich ihrer Familie, später wollte ich mehr tun. Die ersten kleinen Schritte waren 1989 ein Kinderclub und die Möblierung eines Comedors, einer Gemeinschaftsküche für arme Familien. Das Geld wurde auf einem Schulfest der Herz-Jesu-Schule verdient.

Bei einer Reise 1991 nach Lima lernte ich arbeitslose Sozialarbeiterinnen kennen. Wir gründeten „Martmany“, um in der Garage des Hauses von Vikis Eltern einer kleinen Gruppe von Kindern bei den Schularbeiten zu helfen. Zwei Frauen arbeiteten stundenweise im Projekt, ich finanzierte die Gehälter durch Verkauf von peruanischem Kunsthandwerk in der Gemeinde, durch Lotterien auf dem Reichsstraßenfest und in der Herz-Jesu-Schule. Manchmal erhielt ich auch Spenden aus meiner Familie oder von Freunden. Vikis Mutter Juana verwaltete das Geld.

1995 ergab sich die Möglichkeit, ein baufälliges Haus gegenüber von Juanas Haus zu erwerben. Jetzt hatten wir zwar mehr Platz für die Kinder, es fehlte jedoch das Geld für die Gehälter. Außerdem war mir klar, dass ich ein wachsendes Projekt nicht mehr alleine finanzieren konnte. Die Idee der Patenschaften wurde geboren. Ein deutscher Pate unterstützte den Platz eines Kindes mit 20 DM im Monat. Er konnte mit seinem Patenkind Kontakt aufnehmen und erhielt Fotos und Briefe.

Anfangs gab es nur einige Paten aus Schule und Gemeinde, dann erschien ein Artikel im Tagesspiegel, der neben neuen Kontakten auch zwei Artikel in Frauenzeitschriften nach sich zog. Die Zahl der Paten wuchs, die Anzahl der neuen Kinder stieg allerdings schneller.

Das kleine Haus (ca. 140 Quadratmeter) war sehr baufällig, feucht und überhaupt nicht erdbebensicher, das Dach bestand aus Balken, Brettern, Dachpappe usw.

Ab Dezember 97 wurde praktisch ein neues Haus errichtet und im Juli 99 eingeweiht. Es gab einen großen Raum für den Unterricht, je eine Toilette mit Dusche für Jungen und Mädchen und eine Küche mit Vorratsraum sowie zwei kleine Räume.

Im Jahr 2001 wurde durch eine großzügige Spende von Professor Dr. Büchsel aus Berlin ein Obergeschoss mit 6 kleinen Räumen und 2 Toiletten gebaut. Auf dem Dach standen einige Spielgeräte, die trotz des maroden Zustandes begeistert genutzt wurden.

Martmany wuchs weiter in die Höhe, das zweite Obergeschoss besteht aus einem großen Raum, zwei Toiletten, zwei kleinen Zimmern und einem Zimmer mit eingebautem Duschbad. In einem der Räume hatte früher eine junge Zahnärztin ihren Behandlungsraum, heute arbeitet dort die Psychologin. Im anderen Zimmer wohnt Rosita, die das Haus bewacht, mit ihrem Bruder und ihrem Sohn. Im hinteren Zimmer kann ein Gast wohnen, z.B. eine deutsche Praktikantin oder ich, wenn ich in Lima bin. Die Kinder der Herz Jesu Schule und ihre Familien finanzierten in drei Adventsspendenaktionen unseren Dachspielplatz und die Spielgeräte. Nach dem Lernen können die Schüler dann spielen und gemeinsam Spaß haben.

Im Lauf der Jahre gab es einige Veränderungen. Während einiger Jahre hatten wir auch eine Gruppe behinderter Kinder bei Martmany, deren Transport in die Sonderschule auch von uns bezahlt wurde. Diese Kinder sind nun erwachsen, die Lehrerin lebt jetzt in Italien. Auch die Mutter-Kind-Gruppe gibt es nicht mehr, da die Stunden der Psychologin für die älteren Kinder und die Mütter gebraucht werden.

Die Nutzung der Räume musste mehrfach auf Wunsch der Behörden geändert werden. Der Spielplatz mit den Spielgeräten ist nun im Erdgeschoss, auf dem Dach wird Ball gespielt. Im letzten Jahr mussten wir uns wegen der Vorschriften zum Schutz bei Erdbeben von einigen Möbeln trennen, da die Räume nach den neuen Vorschriften zu voll waren. Auch Teile der Elektrik müssen erneuert werden, vernetzte Rauchmelder eingebaut, alle Glasflächen mit Sicherheitsfolie beklebt werden usw. Es hat schon viel Geld gekostet und wird noch teurer werden, leider…

Mitarbeiter: Gremium von 3 Leitungskräften für Organisation, Auszahlung der Gehälter, Buchführung, Unterricht, Koordination und Kontakt nach Deutschland, 1 Psychologin, 1 Sozialarbeiterin, 2 Lehrerinnen, 1 Student, 1 Studentin, eine junge Mutter und eine Frau, die das Haus putzt, bewacht und dort lebt.

Alle Mitarbeiter arbeiten Teilzeit. Es sind etwa 70 bis 80 Kinder eingeschrieben. Sie bekommen in verschiedenen Gruppen am Vor- oder Nachmittag Schularbeitshilfe. Das Alter der jungen Besucher liegt zwischen 6 und 16 Jahren. Viele unserer „ältesten Kinder“ haben die Oberschule beendet. Eine Berufsausbildung können ihre Eltern meist nicht finanzieren. Manche Jugendliche erhalten mit Hilfe ihrer Paten ein Teilstipendium für ihre Ausbildung.

Da die Kosten gestiegen sind, wird jetzt ein Patenschaftsbeitrag von 20 € erbeten.

Mehrmals gab es bei Martmany Besuch aus Deutschland, auch schon von Eltern der Herz Jesu Schule. Viermal machten junge Menschen ein Praktikum dort und unterrichteten Englisch.

 

Zusammenfassung: Es gibt Förderung für Schulkinder, Hausaufgabenhilfe, Englisch- und Computergrundlagen, Mathenachhilfe, eine kleine Mahlzeit, gemeinsame Spiele und Ausflüge, Geburtstagsfeiern, eine Weihnachtsfeier mit Geschenken und Essen, Vorträge für die Mütter, einige Teilstipendien für die Ausbildung von Jugendlichen, Unterstützung bei Krankheit, meist durch Darlehen. Wir haben Kontakte zur katholischen Kirchengemeinde Espiritu Santo (Heilig Geist). Der peruanische Pfarrer Padre Edgar und die irische Ordensfrau Madre Mary waren manchmal bei Martmany zu Gast. Sie äußerten sich sehr lobend über das Projekt und Madre Mary zeigte es auch ausländischen Gästen. Leider ist sie nun nach Irland zurückgekehrt, sie war die letzte Ordensfrau in der Gemeinde.

 

Probleme:

- Manche Mütter helfen zu wenig mit oder kommen nicht, obwohl sie es versprochen haben.

- Viele Oberschüler kommen nicht regelmäßig, nicht alle unserer Schüler beenden die Oberschule mit vernünftigen Ergebnissen. Der Schulunterricht in Independencia ist schlecht, am Ende der Oberschule können und wissen die Schulabgänger sehr wenig. Für eine Ausbildung muss man bezahlen. Die Aufnahmeprüfungen an staatlichen Universitäten sind extrem schwierig, da es wenige Plätze für ganz viele Bewerber gibt. Man bereitet sich ein Jahr oder länger an einem Institut auf die Prüfung vor, das muss finanziert werden. Bis jetzt habe es nur 2 Schüler von uns auf eine staatliche Universität geschafft, sehr wenige sind auf einer privaten Universität, haben aber größte Probleme mit den Studiengebühren.

- Anregungen von mir werden während meines Aufenthalts in Lima umgesetzt, wenn ich dann in Berlin bin, geht manches wieder verloren….

- In zu vielen Familien gibt es Gewalt, Alkoholprobleme, Desinteresse, verlassene Mütter und Kinder. Das Interesse an Bildung und Gesundheitsvorsorge fehlt häufig. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind nicht sehr ausgeprägt, das erschwert vieles. Die Armut ist oft bedrückend, sie verhindert Zukunftsperspektiven….

- Wir müssen leider hohe Grundsteuern für das Haus bezahlen, da wir weder „Kirche“ noch „Schule“ sind.

- Das Geld reicht nicht, um das zu tun, was man machen möchte und sollte, (z.B. Zahnbehandlungen, Musikunterrichtangebote, Unterstützung bei Therapien, Hilfe für Schulabgänger….) Im letzten Jahr haben wir leider einige Paten verloren, der schwache Euro ist auch ungünstig für die Finanzierung von Martmany.

- Ein Problem ist auch die Zukunftssicherung von Martmany. Juana, die Vorsitzende von Martmany in Lima, ist über 80. Sie ist jetzt zurückgetreten, aber es fehlt noch der Rücktritt der Schatzmeisterin, um den neuen Vorstand zu wählen. Glücklicherweise unterstützt uns eine deutsche Ordensfrau, die in Lima ein großes Projekt hat, mit ihrer Beratung. Ich hoffe, dass der neue Vorstand bald mit der Arbeit anfangen wird und dass im nächsten Schritt die Satzung in einigen Punkten verändert werden kann. Danach muss ich mich darum kümmern, wer Martmany hier übernehmen kann, denn sehr lange werde ich es nicht mehr machen können.

Am 6. August 2015 bekam ich das Bundesverdienstkreuz für meine Arbeit für Martmany. Erst fand ich es nur schrecklich peinlich, später konnte ich mich sehr darüber freuen und auch stolz über die Ehrung sein.

 

Rückblick: In den fast 30 Jahren, in denen ich nach Lima fliege, um Martmany zu betreuen, hat sich dort vieles verbessert.

Anfangs kam der Tanklastwagen mit Wasser an den Berg, die Mütter schleppten die Wassereimer nach Hause. Nun gibt es schon lange Strom, Wasser und meist auch Abwasser. Ehemalige Hütten sind heute gemauerte Häuser, kleine Häuschen mit Wellblechdach bekamen ein festes Dach und ein neues Stockwerk. Die Straße, an der das Haus liegt, ist gepflastert, hat Gehwege und einige Bäume. Viele Menschen, die ich kenne, haben ein Handy oder Telefon. Manche haben einen eigenen Computer. Ein Fernsehgerät besitzt wohl jede Familie bei Martmany. Die Mütter unserer Kinder sind keine Analphabeten mehr, höchstens noch einige Großmütter. Die Mehrzahl der Eltern hat die Schule abgeschlossen, das war früher anders. Unten an der Hauptstraße gibt es riesige Einkaufzentren, erreichbar per Bus. Es gibt dort auch den Metropolitano, einen Bus, der in einer eigenen Spur fährt und dadurch schneller ist, aber entsetzlich überfüllt, wie alle Busse. Viele Autos sind noch immer noch alt und kaputt, aber früher war es viel schlimmer. Allerdings ist der Verkehr durch Dauerstaus gekennzeichnet. Das touristische Zentrum von Lima ist jetzt viel sauberer und gepflegter als früher.

Es existiert eine Krankenkasse, die zwar wenig hilft, da man auf Termine wochenlang warten muss und auch die Medizin selber bezahlt, aber früher gab es gar nichts.

Leider sind die Preise für Häuser und Wohnungen explodiert und nicht mehr bezahlbar. Vieles ist mir unverständlich, die meisten Menschen verdienen ganz wenig Geld, die Preise für Wohnen, Essen, Kommunikation, Verkehr usw. sind aber nicht billig, gute Bildung ist teuer….

Es gibt auch viele neue Armenviertel, aber in dem Teil von Lima - Independencia, den ich kenne, hat sich die Situation verbessert, denke ich. Glücklicherweise haben auch die Kämpfe der Jugendbanden in der Nachbarschaft aufgehört. Aber es gibt leider in allen Bezirken viele Drogen, Überfälle und Morde. Und alles wird lang und breit im Fernsehen gezeigt!!!!

Wer möchte uns unterstützen? Wir suchen Paten und Förderer.

Es ist tausendmal besser, auch nur eine Kerze anzuzünden, als über die Dunkelheit zu schimpfen.

Susanne Stiegert-Krumhauer

   
© Katholische Schule Herz Jesu Berlin